Vielleicht hätte ich anders gesprochen. Mit mehr Atem. Mit weniger Angst vor dem Echo. Vielleicht hätte ich mich nicht so oft unterbrochen, bevor andere überhaupt zu Wort kamen. Vielleicht wäre ich stehen geblieben. Nicht immer gleich zurückgewichen, wenn jemand meinte, besser zu wissen, wer ich bin. Ich hätte mein „Ich will“ nicht in ein „Vielleicht sollte ich lieber nicht“ verwandelt. Ich hätte das Kleid getragen, von dem sie sagten, es sei zu auffällig. Ich hätte geschrieben, laut, unbequem, roh. Nicht mit angezogener Handbremse. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich erst beweisen muss,um lieben zu dürfen. Nicht verformen müssen, um Anerkennung zu verdienen. Ich hätte vertraut, dass meine Stimme zählt. Dass mein Schmerz nicht übertrieben ist. Dass mein Wert nicht davon abhängt,wer an mich glaubt. Aber stattdessen habe ich gezögert. Mich selbst befragt, als ob mein Innenleben eine Lüge sei. Ich habe mich entschuldigt für mein Dasein. Für mein Fühlen. Für meinen Hunger nach Leben. Ich habe mich still gemacht, damit niemand sich gestört fühlt. Mich angepasst,damit niemand genervt ist. Und dabei fast vergessen, wer ich war, bevor man mich begradigen wollte. Doch irgendwo in mir lebt sie noch – die, die nicht leise war. Die, die geglaubt hat. Die, die geträumt hat – ohne sich zu schämen. Vielleicht ist es nicht zu spät. Vielleicht ist dieser Schmerz die Spur zu ihr zurück. Vielleicht kann ich sie wiederfinden – nicht wie man ein verlorenes Foto wiederfindet, sondern wie man in einem Spiegel endlich sich selbst erkennt. Vielleicht bin ich die, die sich trotz allem nicht hat auslöschen lassen. Vielleicht war ich immer mehr, als sie in mir sehen wollten.
Wer wäre ich geworden, wenn niemand an mir gezweifelt hätte
