Ich und der Schrei, den keiner hört

ICH: Warum bleibst du da drin, so tief, so lautlos?
DER SCHREI: Weil du mich nicht lassen willst. Weil du gelernt hast,dass Stille sicherer ist als Aufmerksamkeit.
ICH: Aber du tust weh. Du brennst, du pochst in meiner Kehle wie ein zweiter Puls.
DER SCHREI: Ich bin nicht das Problem. Ich bin die Antwort, die du nie sagen durftest.
ICH: Wenn ich dich rauslasse – was passiert dann?
DER SCHREI: Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Vielleicht fällt nur eine einzige Träne endlich nicht ins Leere.
ICH: Ich fürchte die Leere.DER SCHREI: Ich fülle sie. Mit dem,was endlich gesagt werden darf.
ICH: Und wenn sie wieder sagen,ich übertreibe?
DER SCHREI: Dann hör besser auf dich als auf sie. Sie haben dein Verstummen bequemer gefunden als dein Erwachen.
ICH: Ich habe so oft geschwiegen,dass selbst meine Gedanken leiser wurden.
DER SCHREI: Ich habe gewartet. Geduckt hinter deinen Rippen. In jedem verschluckten Wort. In jedem „Geht schon.“
ICH: Und wenn ich dich heute lasse?
DER SCHREI: Dann beginnt etwas. Kein Frieden vielleicht –aber Wahrheit.
ICH: Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin.
DER SCHREI: Du musst nicht bereit sein. Nur ehrlich.

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