Was man mir nicht ansieht

An meinem dreizehnten Geburtstag ging meine Mutter. Sie verließ uns, ohne Gepäck, ohne Erklärung. Mein Vater nahm ihren Ehering und steckte ihn mir über den Finger. Von da an war ich nicht mehr Tochter. Ich war Ersatz. Für sie. Für alles, was ihm fehlte. Ich kümmerte mich um meine kleine Schwester. Seine Prinzessin. Er trank. Und trank. Und trank. Irgendwann hörte das Küssen auf und etwas anderes begann. Missbrauch, sagt man. Aber das klingt zu sauber. Meine Noten stürzten ab. Ich stürzte mit. Der erste Selbstmordversuch von mir war harmlos. Ich wusste noch nicht, wie es richtig geht. Dann zertrümmerte er eines Tages das Wohnzimmer: Möbel, Porzellan, Worte. Er verabschiedete sich. Fuhr los. Kam zurück. Hatte das Gewehr vergessen. Fuhr wieder. Den Rest kann man sich denken. Wir Kinder landeten im Krankenhaus. Zwei Wochen ohne Plan, ohne Ziel, ohne Zuhause.
Dann eine Tante aus der Feiertagsvergangenheit. Sie bekam das Sorgerecht. Ich bekam das Schweigen. Ich lief weg. Immer wieder. Der Jugendrichter schickte mich in ein Heim für schwer erziehbare Mädchen. Auch dort: nichts, was mich hielt. Erst die Großmutter, die ich kaum kannte, bot eine Art Halt. Wochenenden, Ferien, warme Decken, kein Geschrei. Ein Zuhause.
Dann ein dummer Satz von mir, ein falscher Zuhörer. Ein Bekannter, der Gras rauchte, hörte von den regelmäßigen Abwesenheiten meiner Großmutter. Er brach ein. Nicht am Dienstag. In der Nacht. Im Affekt. Er erschlug sie. Ich war fünfzehn. Und hatte nichts damit zu tun. Aber kein Heim wollte mich mehr. Ich kam ins Gefängnis. Mit Erwachsenen. Dann nach Belgien. Therapie. Isolation. Meine Mutter wollte mich nicht sehen. Sie gab mich ganz ab. Ich war das schwarze Schaf, offiziell. Jahre später starb sie an Lungenkrebs. Ich rauche noch immer. Vielleicht, weil es leiser ist als schreien. Meine Art der Selbstverletzung. Irgendwann als Erwachsene kam die Vodkaphase. Drei Tage mit dem Kopf im Eimer. Danach hatte ich genug.
Heute lebe ich. Stabil, sagt man. Verheiratet. Zwei Katzen. Drei Kinder. Man sieht mir nicht an, wo ich war. Aber ich weiß es. Und ich werde nicht vergessen. Niemals.

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