Geduld sitzt in der Ecke.
Mit gefalteten Händen, wie ein Kind, das sich selbst zur Ruhe erzogen hat.
Sie ist nicht freundlich.
Sie ist nicht weise.
Sie ist erschöpft.
Aber sie kennt das Warten wie andere ihre Muttersprache.
Ungeduld rennt im Kreis.
Sie schlägt gegen Wände, flucht, wirft mit Erinnerungen, die brennen.
Sie kann nicht still sein.
Sie hält es nicht aus, wenn alles stehen bleibt.
Denn sie kennt den Moment, in dem das Nichts sich ausbreitet.
In dem nichts zu fühlen gefährlicher wird als Schmerz.
Ich bin mittendrin.
Zerrissen zwischen beiden, als wäre ich ein Seil, das sie in gegensätzliche Richtungen ziehen.
Ich will Geduld sein – ruhig, vernünftig, sanft.
Und gleichzeitig will ich platzen vor Ungeduld – nach vorne stürmen, brüllen, ausbrechen.
Geduld flüstert mir Geschichten vom Durchhalten.
Davon, dass alles besser wird.
Dass ich nur noch ein bisschen weiter aushalten muss.
So wie damals.
So wie immer.
Ich habe ihr geglaubt.
Zu oft.
Ungeduld schreit:„Wenn du noch länger stillhältst, wirst du verschwinden.“
„Wenn du noch länger wartest, wirst du nie erfahren, wer du bist.“
Und irgendwo in mir ist eine Dritte.
Eine, die beide Stimmen kennt – aber sich selbst noch nie sagen hörte, was sie eigentlich will.
Vielleicht, weil es nie eine Option war zu wählen.
Vielleicht, weil das Leben nie gefragt hat.
Nur befohlen.
Geduld zeigt auf die Narben.
„Siehst du? Du hast es überlebt.“
Ungeduld zeigt auf das Herz.
„Aber du hast es nie gelebt.“
Ich wanke.
Zwischen Erschöpfung und Hoffnung.
Zwischen Angst, zu früh loszulaufen – und der noch größeren Angst, für immer zu bleiben, wo ich längst nicht mehr hingehöre.
Vielleicht ist der wahre Kampf nicht zwischen Geduld und Ungeduld.
Sondern zwischen dem Ich, das gelernt hat zu überleben –und dem Ich, das endlich herausfinden will, was Leben überhaupt bedeutet.
Und während sie sich streiten, atme ich.
Nicht tief.
Aber immerhin.
Der Kampf zwischen Geduld und Ungeduld
