Eine Kindheit, die es nicht gab (Ein Bericht aus der Lücke)


Manchmal frage ich mich,
ob ich sie erfunden habe –
diese Kindheit,
die andere hatten.
Ob ich sie aus Serien gelernt habe,
aus Gesprächen,
aus Pausenhof-Fetzen,
aus Dingen,
die für andere selbstverständlich klangen:
„Meine Mama holt mich ab.“
„Wir machen Spieleabend.“
„Papa hat mir was vorgelesen.“
Ich habe genickt.
Gelächelt.
Mitgespielt.
Gelogen.
Meine Kindheit war kein Ort.
Sie war ein Zustand.
Ein Zustand des Aufpassens.
Der Unsichtbarkeit.
Der vorsichtigen Schritte.
Der leisen Türen.
Der inneren Listen:
Was ich sagen darf.
Was ich vermeiden muss.
Was ich tun kann,
um heute nicht
der Auslöser zu sein.
Ich habe früh gelernt,
dass Erwachsenwerden
nicht mit dem 18. Geburtstag beginnt,
sondern mit der ersten Verantwortung,
die dir nicht gehört.
Ich war zu jung
für die Schwere,
die ich tragen musste.
Und zu alt,
um je Kind zu sein.
Es gibt keine Fotos,
auf denen ich sorglos bin.
Nur gestellte Szenen.
Nur Lächeln,
das nicht aus den Augen kommt.
Nur Beweise,
die keiner liest.
Und wenn ich heute
über „meine Kindheit“ spreche,
sage ich manchmal:
„Es war schwierig.“
„Es war nicht einfach.“
Weil die Wahrheit
zu groß ist
für Smalltalk.
Und zu schwer
für Menschen,
die sie nicht tragen mussten.
Aber in mir
ist dieser stille Ort –
keine Erinnerung,
sondern eine Lücke.
Kein Bild,
sondern ein Riss.
Kein Zuhause,
sondern ein Vakuum.
Dort hätte sie sein sollen.
Meine Kindheit.
Aber sie war nie da.

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