Ich und die Verstorbenen

Ich:
Ich weiß nicht, ob ihr wirklich noch da seid
oder nur als Schatten in meinen Gedanken.
Manchmal spreche ich in ein Zimmer,
das leer ist.
Und manchmal antwortet ihr.
Verstorbene:
Wir sind nicht dort, wo man Blumen hinlegt.
Nicht in den Rahmen an der Wand.
Wir sind in dem Moment,
bevor du einschläfst.
In der Pause zwischen zwei Gedanken.
Im Zittern deiner Stimme,
wenn du uns erwähnst.
Ich:
Ich höre euch.
Aber ich verstehe euch nicht.
Ihr seid Bruchstücke.
Sätze ohne Ende.
Gesten, die sich auflösen,
bevor ich sie fassen kann.
Verstorbene:
So waren wir auch im Leben.
Unvollständig.
Nicht fertig mit dem, was wir sagen wollten.
Nicht fähig, alles zu geben, was du brauchtest.
Nicht mutig genug,
nicht klar genug,
nicht heil.
Ich:
Warum habt ihr mich so zurückgelassen?
Mit Fragen,
mit Schuld,
mit einem Schweigen,
das schreit.
Verstorbene:
Weil wir selbst voller Brüche waren.
Wir hatten keine Sprache für das,
was weh tat.
Also gaben wir es weiter.
Unabsichtlich.
Unausweichlich.
Ich:
Ich trage euch mit –
und ich weiß nicht, ob ich euch je ablegen kann.
Ob ich euch verzeihen kann.
Oder will.
Verstorbene:
Du musst nicht verzeihen.
Du darfst zornig sein.
Wir sind keine Heiligen geworden.
Wir sind nur stiller.
Und vielleicht ein wenig klarer,
jetzt, wo alles vorbei ist.
Ich:
Ich wollte euch fragen,
ob ihr stolz auf mich seid.
Ob ihr mich heute anders seht.
Ob ihr mich überhaupt seht.
Verstorbene:
Wir sehen,
was du überlebt hast.
Was du geschaffen hast aus dem,
was wir nicht zu Ende gebracht haben.
Wir sehen deine Stärke,
aber wir kennen auch den Preis.
Ich:
Ich wollte euch zurück.
Aber nicht so.
Nicht als Stimme im Wind.
Nicht als Leerstelle.
Verstorbene:
Wir kommen nicht zurück.
Aber du kannst wählen,
was von uns bleibt.
Und was nicht mehr Teil deines Weges sein muss.
Ich:
Und wenn ich euch irgendwann vergesse?
Verstorbene:
Dann ist das keine Schuld.
Nur ein Zeichen,
dass du Platz brauchst
für dein eigenes Leben.
Ich:
Ich bin nicht fertig mit euch.
Verstorbene:
Das musst du auch nicht sein.
Trauer ist kein Projekt.
Nur ein stilles Weitergehen
mit offenen Wunden.

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