Monolog der Tasse mit dem Sprung (Ich bin noch da. Und du auch.)

Du hast mich nicht weggeworfen.
Nicht als ich fiel.
Nicht als ich brach.
Nicht als mein Sprung deutlich sichtbar wurde.
Alle anderen hätten mich ersetzt.
Getauscht.
Vergessen.
Aber du nicht.
Du hast mich aufgesammelt.
Vorsichtig.
Als sei ich etwas, das es wert war, getragen zu werden.
Seitdem stehe ich in deinem Schrank.
Nicht versteckt.
Aber auch nicht vorn.
Manchmal nimmst du mich heraus.
Nicht wenn Besuch kommt.
Nicht wenn du stark wirken willst.
Aber an Tagen, an denen du nicht musst.
An Tagen, an denen du einfach Sein darfst.
Dann füllst du mich mit Tee.
Oder Kaffee.
Oder der Bitterkeit, die du nicht loswirst.
Und du hältst mich mit beiden Händen.
So, als hieltest du dich selbst.
Ich erinnere mich an ihn.
Wie er mich hochhob – zu grob.
Zu beiläufig.
Wie er mich fallen ließ, ohne sich umzudrehen.
Wie du dich bücktest, entschuldigend.
Nicht bei mir.
Bei ihm.
Ich war nicht das Einzige, was an dem Tag zerbrach.
Du sagst manchmal, du bist dumm, weil du mich behalten hast.
Weil du dich an mir festhältst.
Weil du zerbrochene Dinge nicht loslässt.
Aber ich glaube, du weißt es längst: Ich bin du.
Oder ein Teil davon.
Nicht heil.
Aber da.
Nicht schön.
Aber echt.
Nicht neu.
Aber immer noch tragfähig.
Manchmal streichst du mit dem Daumen über meine Bruchlinie.
Nicht prüfend.
Nicht ängstlich.
Einfach so.
Und ich spüre: Du erinnerst dich.
An den Schmerz.
An das Danach.
An das, was blieb.
Mich.
Dich.
Uns beide.

Hinterlasse einen Kommentar