Monolog nach dem Sturz

Ich darf nicht weinen.
Nicht, weil es mich schwach macht.
Sondern weil er das Geräusch nicht erträgt.
Mein Heulen stört ihn.
Es kratzt an seiner Ruhe.
Seinem Selbstbild.
Als das Kind angefahren wurde, kam er nicht mit ins Krankenhaus.
„Was sollen wir denn zu zweit da?“
Er hat das ernst gemeint.
Früher, als sie stürzte, weil der Kater ihr die Vorfahrt nahm, fiel sie mitsamt dem Teller.
Er sprang auf.
Nicht, um sie zu halten.
Nicht, um ihr zu helfen.
Er sah nach, ob der Boden unversehrt war.
Der Rücken des Kindes war es nicht.
Ein riesiges Hämatom.
Er zuckte mit den Schultern.
Auf Feiern erzählt er, unser Wasser schmecke nach Dreck.
Er trinke das nicht.
Für uns gibt es kein Mineralwasser.
Wir würden zu viel trinken.
„Teurer Urin“, sagt er.
Dann lacht er. Ich nicht.
Er hat das große Kind früher gestalkt.
Standortfreigabe auf Snapchat.
Stundenlang.
Fuhr ihr nach.
Wenn sie knutschte, saß er ein paar Reihen weiter.
Still.
Beobachtend.
Vaterliebe, nennt er das.
Einmal stritten sie.
Er fuhr weg, rief sie an und sagte, sie solle ihm letzte Worte sagen.
Er wolle sich umbringen.
Wir riefen die Polizei.
Er versprach, sich Hilfe zu holen.
Er log. Wie immer. Damit sie ihn in Ruhe lassen.
Damals, als sie jünger war, griff er ihr an den Hals.
Hinterließ Fingerabdrücke.Es waren Ferien. Die Schule stellte keine Fragen.
Er sagte, sie erinnere ihn an seine Ex.
Die habe ihn geschlagen.
Jetzt ist er der Herr im Haus. Jetzt schlägt er nicht. Jetzt drückt er zu.
Ich habe eine Panikattacke.
Puls 130. Im Sitzen. Im Schweigen. Im Aushalten.
Er hat Stolz. Sagt er. Bittet seine Familie nie um Hilfe. Wenn wir nichts haben, verkaufe ich, was mir gehört. Oder ihr gehörte. Meiner Mutter.
Ihr Schmuck.
Ich verschwinde Stück für Stück.
Ich weiß nicht mehr, wer ich war, wer ich bin.
Er hat alles in mir erstickt.
Er mag es nicht, wenn ich die Hörgeräte nicht trage.
Dann muss er sich wiederholen.Ich mag sie nicht.
Der Lärm zerreißt mich.
Aber das Kind lernt Gebärdensprache. Für mich.
Heimlich.
Liebevoll.
Heute haben sie um mich geweint.
Beide.
Und ich glaube, sogar die Kleine versteht, dass das hier kein Zuhause ist.
Keine Normalität.
Nur ein Überleben.
Brauchen wir eine Kur?
Oder müssen wir gehen?
Und was, wenn er sich dann etwas antut?
Bleiben wir nur deshalb?
Aus Angst vor seiner Angst?
Ich bin gestürzt.
Die Treppe hat mich genommen.
Schmerzen,die schreien wollen.
Aber ich darf ja nicht weinen.
Nicht so.
Nicht laut.
Er schläft jetzt.
Nach der Eskalation im Bad.
Der Mascara.
Der Stuhl.
Die Stimmen.
Die Stille danach.
Jetzt sitzt er da, schaut YouTube.
Stundenlang.
Sein Gesicht – wie ein geprügelter Welpe.
Als wäre er das Opfer.
Als würde er warten, dass ich mich entschuldige.
Aber ich bin gefallen.
Und ich stehe nicht mehr auf, um mich zu entschuldigen für etwas, das ich überlebt habe.

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