Bericht eines Jugendamts, das nie kam (Fiktiv. Oder nicht.)

Aktenzeichen: nicht vergeben.
Fallnummer: nie eröffnet.
Betreff: Kind in Gefahr. Status: nicht gesehen.
Vorgang: Mädchen, weiblich, still. Auffällig unauffällig. Zieht sich oft zurück. Blickkontakt zögerlich. Spricht wenig.
Lehrer meldet: „Sie wirkt müde.“ „Bringt oft keine Hausaufgaben.“ „Weint manchmal, ohne Grund.“
Aktion: Eintrag ins Klassenbuch. Elterngespräch empfohlen. Keine Folgemaßnahmen.
Beobachtung: Kind trägt oft dieselben Kleider. Reagiert schreckhaft auf plötzliche Geräusche. Vermeidet Körperkontakt.
Auffällig: Zeichnungen mit verschlossenen Türen. Texte mit Themen wie Flucht, Schatten, Schuld. Gedichte ohne Hoffnung. Einschätzung der Schule:„Kreativ, aber düster.“ „Hat eine blühende Fantasie.“ „Braucht etwas Motivation.“Aktion: Keine.
Hinweise aus dem Umfeld: Nachbarn hören Streit. Immer dieselbe Stimme. Immer dieselbe Stille danach. Die Mutter sagt:„Alles gut bei uns.“ „Sie ist halt sensibel.“ „Sie liest zu viel.“ Der Vater sagt nichts. Er sieht nur. Und reicht Papiere. Unterschreibt. Grüßt korrekt.
Aktion: Keine. Intern notiert: Kind lebt in scheinbar intaktem Haushalt. Kein offenkundiger Missbrauch. Keine sichtbare Verletzung. Keine Anzeige. Keine Zeugen. Kein Fall. Status: Nicht akut.
Was nicht notiert wurde: Dass sie jeden Abend mit Angst einschlief. Dass sie lernte, wie man Emotionen erstickt. Dass sie wusste, dass niemand kommt. Dass Schweigen überlebenswichtig war. Was hätte notiert werden müssen: „Kind hört auf, sich zu zeigen.“ „Kind trägt Scham, die nicht ihre ist.“ „Kind schreit nicht –weil es gelernt hat,dass Schreie nicht gehört werden.“

Bericht abgeschlossen. Ohne je geschrieben worden zu sein. Kind blieb im System unsichtbar. Heute: erwachsen. funktional. kaputt.

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