Hommage an die Lyrik

Ich dachte lange, Lyrik sei nur weichgespült und nett. Also widmete ich mich lieber meiner Romanze, dem Thriller oder dem guten alten Groschenroman.
Meine eigenen lyrischen Versuche versteckte ich wohlbehütet auf meinem Laptop, und doch fühlten sie sich immer wie ein geheimer Schatz an.

Heute weiß ich, dass ich falsch lag.
Heute weiß ich: Sie kann hart, schonungslos und wunderschön sein – und sie verändert, wie man die Welt sieht.

Ron Hard hat mir mit seinen Büchern gezeigt, dass Lyrik harter Stoff ist, nichts für schwache Nerven. Er hält der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor, auch in seinem Taxi nach New York. Der Schrei des Hummers ist einzigartig, man spürt darin, wie vergänglich das Leben ist.
Von Florian Günther las ich Nuttengespräche und 11 Uhr morgens, schonungslos offen und doch mit einem Hauch Hoffnung.
Michael Eschmann nahm mich mit auf eine lyrische Lebensreise.
I. J. Melodia darf man mit seinem Band Polaritäten keinesfalls unterschätzen.

Boris Greff riss mich aus meinen Gedanken, Karin Klug weckte in mir die Sehnsucht nach mehr, und bei Heinrich Nowak entkam ich nur knapp der Sonnenseuche.

Was ich damit sagen will:
Lyrik ist harte Kost.
Lyrik ist Wahrheit und Verstand, Leben und Fantasie.
Sie lehrt uns, zu fühlen und zu hinterfragen.
Lyrik ist Kunst.
Lyrik ist Verdichtung.

Ein einziger Satz kann mehr tragen als ein ganzes Buch. Sie nimmt das Leben beim Atem, schneidet es zurecht, bis nur noch das Wesentliche bleibt.

Lyrik ist Gefühl in Form.
Sie verwandelt Schmerz in Rhythmus, Freude in Klang, Erinnerung in Bilder. Sie spricht dort weiter, wo Sprache eigentlich endet.

Lyrik ist Wahrnehmung.
Ein Flackern im Neonlicht, ein Gedanke im Regen, eine Stimme im Wind. Sie sieht, was im Alltag übersehen wird, und macht es spürbar.

Lyrik ist Widerstand.
Gegen Gleichgültigkeit, gegen das Schweigen, gegen die Lüge. Sie ist leise, aber sie bleibt.

Lyrik ist Freiheit.
Keine Regeln, kein Zwang, nur Worte, die ihren eigenen Weg finden.

Lyrik ist Begegnung.
Zwischen Innen und Außen, zwischen Mensch und Welt, zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht noch wird.

Lyrik ist das, was bleibt, wenn alles andere verstummt.
Ein Nachhall. Ein Herzschlag. Ein Beweis, dass wir gefühlt haben.

Ein Lyrikband ist etwas für Entdecker. Liest man ein Gedicht an verschiedenen Tagen, erlebt man verschiedene Bedeutungen und Emotionen.

Lyrik ist für Feinschmecker, man sollte sich jeden Text auf der Zunge zergehen lassen. Und vielleicht, ganz nebenbei, mit Otto ein Maoam essen.

Ich freue mich auf weitere lyrische Reisen – in meinem Lesestapel liegt noch genügend Stoff aller Art.

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