Toleranz – warum sie nicht selbstverständlich ist

Manchmal tun wir so,
als sei Toleranz ein Naturgesetz.
Als würde sie wie Luft um uns kreisen,
unerschöpflich,
unsichtbar,
immer da.
Doch Toleranz wächst nicht wie Gras,
das zwischen Rissen im Asphalt seinen Weg findet.
Sie ist kein Automatismus,
keine Garantie,
kein eingebautes Organ.
Wir werden nicht geboren,
mit dem Wissen,wie man einander aushält.
Wir kommen nicht zur Welt,
mit offenen Armen,
die jedes Fremde sofort umfassen.
Wir werden geboren mit Schreien,
mit Hunger,mit der Angst,
nicht genug zu bekommen.
Und erst später lernen wir,
dass der andere nicht Bedrohung bedeutet,
sondern Möglichkeit.
Toleranz heißt: die eigenen Narben nicht als Maßstab zu nehmen,
die eigenen Schatten nicht auf die Gesichter anderer zu werfen,
die eigenen Grenzen nicht als Gefängnis,
sondern als Einladung zu verstehen.
Und gerade darum ist sie Arbeit.
Täglich.
Still.
Und manchmal schwer.
Denn Angst wächst schneller als Vertrauen.
Misstrauen spricht lauter als Geduld.
Wut brennt leichter als Respekt.
Toleranz ist kein Geschenk,
das einfach so im Raum liegt.
Sie ist Handwerk
–mühsam gelernt,
immer wieder neu verfehlt,
und gerade deshalb wertvoll.
Und vielleicht ist sie,
in einer Welt,
die sich so gerne im Lärm verliert,
schon eine Revolution
– wenn man schweigt,um zuzuhören.

Hinterlasse einen Kommentar