Kategorie: Lyrik
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Ich und die Trauer

Ich: Du bist zu schwer.Ich kann dich nicht mehr tragen. Trauer: Dann schlepp mich eben.So wie immer. Ich: Du hockst in meiner Brust, wie ein Stein mit Erinnerungen. Trauer: Ich bin das, was bleibt, wenn alles andere gegangen ist. Ich: Ich hab dich nicht eingeladen. Nicht diesmal. Trauer: Du hast mich genährt. Mit jedem Schweigen.…
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Draußen war es hell

Draußenwar es hell.Nicht warm – aber hell.Die Art von Licht,die nicht fragt,ob du es willst.Es ist einfach da.Ohne Rücksicht.Ohne Erklärung.Ich stand am Fenster und blinzelte.Nicht wegen der Sonne,sondern wegen dem,was sie in mir nicht berührte.Sie sagten:„Geh raus, das tut gut.“Und ich lächelte.Wie man lächelt,wenn man das Gegenteil denkt.Ich ging nicht raus.Nicht an diesem Tag.Ich blieb,wo…
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Es war nicht viel

Ich habe heute nur einen Satz gedacht,der mich nicht zerstört hat.Ich habe eine Tasse gehalten,ohne an all die Male zu denken,als sie zu Boden fiel.Ich habe nicht zurückgeschrieben,nicht zurückgeschrien,nicht zurückgewollt.Und als ich die Straße entlanglief –dieselbe wie immer,dieselbe wie damals –da blieb ich stehen,nicht weil ich musste,sondern weil ich wollte.Ich sah dem Wind zu,wie er…
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Sich im Kreise drehen

Ich laufe immer denselben Gedanken ab,als hätte mein Kopf keinen Ausgang.Die Wände sind rund,und jedes Nein führt zurück zum Vielleicht,zum Früher,zum Warten.Ich zähle die Runden,aber vergesse mich selbstbei jeder weiteren.Die Fragen tragen sich selbst im Kreis,und jede Antwort war schon dabevor ich sie suchte.Ich bin erschöpft vom Anfang,vom Immer-wieder.Und doch drehe ich mich weiter –nicht…
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Keiner wird zurückgelassen

Wir gehen langsam.Nicht, weil wir nicht rennen könnten,sondern weil wir wissen,dass hinter uns noch jemand ist.Wir drehen uns um,wenn alle weiterstürmen.Wir reichen Hände,wo andere schweigen.Wir hören zu,wo andere urteilen.Wir warten,wo niemand mehr Geduld hat.Denn wir waren selbst die Letzten.Die, über die hinweggesehen wurde.Die, für die keiner blieb.Die, die zu viel spürten und es nie sagen…
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Flucht ins Nichts

Renn.Renn bis deine Beine brechen,bis dein Herz explodiert,bis der Boden unter dir zerreißt.Renn.Weg von den Stimmen,die dich zerreißen,weg von den Wunden,die niemals heilen,weg von der Stille,die dich erdrückt.Renn in das Nichts.Ein schwarzes, gähnendes Loch,das dich verschlingt,doch auch rettet.Das Nichts ist Freiheit,ist Leere,ist der letzte Atemzug,der alles verändert.Ich fürchte das Nichts.Und ich sehne mich danach.Denn im…
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Ich bin jedermanns Anker, doch wer hält mich?

Ich bin jedermanns Anker.Ich falle nicht.Weil ich es nicht darf.Weil ich der bin,den alle brauchen,wenn es um siezu wackeln beginnt. Ich halte.Still,verlässlich,schwer.Ich lasse euch reden,bis ihr leer seid.Ich höre zu,bis meine Stilletaub wird. Ich bin der,der die Nacht durchsteht,damit ihr schlafen könnt.Ich bin das „Du schaffst das“für alle,auch wenn in mirnichts mehrschafft. Ich stütze euch,wenn…
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Bleiben ist auch eine Bewegung

Sie sagen, du musst weiter.Dich entwickeln.Loslassen.Dich aufrichten.Dich neu erfinden.Ich aber bin geblieben.Nicht weil ich es wollte.Nicht weil ich zu schwach war.Sondern weil mein Körper nicht mehr sprang,wenn die Welt zog.Ich blieb.Mit den Trümmern.Mit den offenen Fragen.Mit der Müdigkeit,die nicht verging.Ich blieb, wo andere gingen.Weil ich nicht konnte,und irgendwann nicht mehr wollte.Und weißt du was?Bleiben ist…
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Notizen eines verschwiegenen Nervenzusammenbruchs

Zwei Stunden Schlaf.Gedanken in Dauerschleife.Herz schlägt.Aber nicht für mich.Ich lächle.Sag: Mir geht’s gut.Nur müde.Nur viel los.Nur fast am Ende.Ich stehe auf.Ich ziehe mich an.Ich vergesse zu atmen.Kein Schrei.Kein Blut.Nur Stille, die mich frisst.Ich google Symptome und lösche den Verlauf.Ich weine nicht.Ich starre.Und am nächsten Tag funktioniere ich wieder.
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Würde jemand meinen Fall bemerken?

Ich tanze auf dünnem Glas,und niemand hört,wie es längst unter mir reißt.Ich lache mit Lippen aus Marmor,verstecke das Zittern in makellosen Sätzen.Ich falle seit Jahren,aber so leise,dass selbst der Wind sich nicht umdreht.Ich bin die gut geölte Uhr,deren Zeiger nie zögern –obwohl das Werk zerspringt.Ich bin die Laterne,die noch glimmt,wenn längst niemand mehr den Weg…