Kategorie: Lyrik
-
Monolog der Gefühle (Wir sind die Geschichte, die du selten erzählst)

Ich bin das, was du meistens versteckst.Das, was du leugnest, weil es zu schwer ist, weil es zu laut ist, weil es zu viel verlangt.Ich bin nicht nur Freude.Ich bin nicht nur Schmerz.Ich bin das Chaos,das du in dir trägst, wenn niemand hinsieht.Ich bin die Wut, die in dir auflodert, wenn Worte dich zerreißen, wenn…
-
Nur am Wochenende gab es Pudding

An Wochentagen gab es Nudeln.Ohne alles.Oder mit einem Rest von Sauce, wenn jemand milde gestimmt war.Ich lernte früh, nicht zu fragen.Nicht nach mehr. Nicht nach etwas anderem. Nicht nach dem Warum.Am Wochenende wurde der Tisch gedeckt, als wären wir eine Familie.Es gab Fleisch, sogar Nachtisch.Der Pudding stand wie ein Versprechen auf dem Tisch – eines,…
-
Monolog der Tasse mit dem Sprung (Ich bin noch da. Und du auch.)

Du hast mich nicht weggeworfen.Nicht als ich fiel.Nicht als ich brach.Nicht als mein Sprung deutlich sichtbar wurde.Alle anderen hätten mich ersetzt.Getauscht.Vergessen.Aber du nicht.Du hast mich aufgesammelt.Vorsichtig.Als sei ich etwas, das es wert war, getragen zu werden.Seitdem stehe ich in deinem Schrank.Nicht versteckt.Aber auch nicht vorn.Manchmal nimmst du mich heraus.Nicht wenn Besuch kommt.Nicht wenn du stark…
-
Monolog nach dem Sturz

Ich darf nicht weinen.Nicht, weil es mich schwach macht.Sondern weil er das Geräusch nicht erträgt.Mein Heulen stört ihn.Es kratzt an seiner Ruhe.Seinem Selbstbild.Als das Kind angefahren wurde, kam er nicht mit ins Krankenhaus.„Was sollen wir denn zu zweit da?“Er hat das ernst gemeint.Früher, als sie stürzte, weil der Kater ihr die Vorfahrt nahm, fiel sie…
-
Waschlappen

Ich war sieben.Vielleicht acht.Und sie mein Highlight.Nur ein paar Häuser weiter. Wir gingen gemeinsam durch den Regen zur Schule.Ich sah den Draht nicht.Fiel.Rücklings.Auf den Kopf.Wir klingelten bei meiner Mutter.Dachten, sie wäre besorgt.Doch sie sah nur die Lippe.Drückte mir einen Waschlappen in die Hand und schickte uns weiter.In der Schule fragte ich, ob ich meine Haare…
-
Monolog der Haut

Ich war dein Schild.Ich war dein Schrei nach Hilfe.Ich war deine Wand zwischen Innen und Außen.Ich habe gebrannt, wenn du geschwiegen hast.Ich habe geblutet, wenn du zu lange stillgehalten hast.Ich habe dich erinnert, wenn du alles vergessen wolltest.Du hast mich gekratzt. Aufgeritzt.Angestarrt im Spiegel,als wär ich ein Feind.Dabei war ich nur da. Nur Oberfläche.Nur das,…
-
Eine Kindheit, die es nicht gab (Ein Bericht aus der Lücke)

Manchmal frage ich mich,ob ich sie erfunden habe –diese Kindheit,die andere hatten.Ob ich sie aus Serien gelernt habe,aus Gesprächen,aus Pausenhof-Fetzen,aus Dingen,die für andere selbstverständlich klangen:„Meine Mama holt mich ab.“„Wir machen Spieleabend.“„Papa hat mir was vorgelesen.“Ich habe genickt.Gelächelt.Mitgespielt.Gelogen.Meine Kindheit war kein Ort.Sie war ein Zustand.Ein Zustand des Aufpassens.Der Unsichtbarkeit.Der vorsichtigen Schritte.Der leisen Türen.Der inneren Listen:Was ich…
-
Gedicht: Feuer und Asche (Zerstörung und Neubeginn)

Feuer reißt, brennt alles nieder, verschlingt Träume,lässt nichts heil.Flammen züngeln,beißen, zerfetzen,schreien in der Nacht, bis nur noch Asche bleibt.Asche fällt, wie grauer Schnee, bedeckt meine Narben, versteckt mein Herz.Doch tief in der Asche, glimmt ein Funken, unaufhaltsam, unverzeihlich, bereit, aus der Dunkelheitzu brechen.Aus Schmerz wird Kraft, aus Verlust entsteht Leben.Aus der Asche erwächst das Licht…
-
Die unsichtbaren Fesseln (Über Kontrollmechanismen, die dich binden und befreien zugleich)

Sie sind da, auch wenn du sie nicht siehst.Die unsichtbaren Fesseln.An deinen Gedanken,deinen Gefühlen,deinem Handeln.Sie sagen dir, was du darfst.Was du nicht darfst.Sie setzen Grenzen,die niemand überschreiten soll.Manchmal fühlen sie sich wie Schutz.Wie eine Rüstung, die dich bewahrt.Manchmal sind sie die Ketten,die dich lähmen.Du kämpfst gegen sie an,versuchst, dich zu befreien,doch sie sind Teil von…
-
Ich und die Verstorbenen

Ich:Ich weiß nicht, ob ihr wirklich noch da seidoder nur als Schatten in meinen Gedanken.Manchmal spreche ich in ein Zimmer,das leer ist.Und manchmal antwortet ihr.Verstorbene:Wir sind nicht dort, wo man Blumen hinlegt.Nicht in den Rahmen an der Wand.Wir sind in dem Moment,bevor du einschläfst.In der Pause zwischen zwei Gedanken.Im Zittern deiner Stimme,wenn du uns erwähnst.Ich:Ich…