Kategorie: Lyrik
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Ode an Thrombonor (dem dunklen Herrscher der Venen gewidmet – widerwillig)

O du, geschwollener Fürst der Tiefe, der du kommst auf leisen Sohlen, in Schüben, die keine Fragen stellen, nur duldend herrschen, durch Schienbein und Schatten. Du wählst keine Stunde, du zählst kein Maß. Du krümmst das Fleisch wie ein Poem ohne Pointe. Nur Druck. Nur Puls. Nur Gegenwart.O Thrombonor, du Knäuel aus Groll und Gewebe,…
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Optimismus vs. Pessimismus(in drei Runden, keine Sieger)

Pessimismus: Siehst du nicht, wie alles bröckelt? Jeder Tag ein letzter Versuch, die Fassade zu halten, während darunter schon die Trümmer lachen.Optimismus: Und doch ist sie noch da, die Wand. Vielleicht bröckelt sie – aber wer sagt, dass dahinter nicht etwas Besseres wartet?Pessimismus: Typisch du. Du nennst Verfall „Verwandlung“, und Elend „Lernprozess“. Ich nenne es…
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Monolog des Aufgebens

Ich habe nicht gesagt:„Ich kann nicht mehr.“Ich habe gesagt:„Ich will nicht mehr müssen.“Und niemand hat den Unterschied gehört. Man denkt, Aufgeben ist laut. Ein Schrei, ein Hilferuf ,ein Drama mit Pointe. Aber das echte Aufgeben kommt auf leisen Sohlen. Es schleicht sich ein zwischen zwei Atemzüge, wenn du merkst,dass selbst das Einatmen zu viel wird.Ich…
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Wer wäre ich geworden, wenn niemand an mir gezweifelt hätte

Vielleicht hätte ich anders gesprochen. Mit mehr Atem. Mit weniger Angst vor dem Echo. Vielleicht hätte ich mich nicht so oft unterbrochen, bevor andere überhaupt zu Wort kamen. Vielleicht wäre ich stehen geblieben. Nicht immer gleich zurückgewichen, wenn jemand meinte, besser zu wissen, wer ich bin. Ich hätte mein „Ich will“ nicht in ein „Vielleicht…
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Bericht eines Jugendamts, das nie kam (Fiktiv. Oder nicht.)

Aktenzeichen: nicht vergeben.Fallnummer: nie eröffnet.Betreff: Kind in Gefahr. Status: nicht gesehen.Vorgang: Mädchen, weiblich, still. Auffällig unauffällig. Zieht sich oft zurück. Blickkontakt zögerlich. Spricht wenig.Lehrer meldet: „Sie wirkt müde.“ „Bringt oft keine Hausaufgaben.“ „Weint manchmal, ohne Grund.“Aktion: Eintrag ins Klassenbuch. Elterngespräch empfohlen. Keine Folgemaßnahmen.Beobachtung: Kind trägt oft dieselben Kleider. Reagiert schreckhaft auf plötzliche Geräusche. Vermeidet Körperkontakt.Auffällig:…
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Die Farbe der Einsamkeit

(Wie sich Einsamkeit anfühlt und aussieht) Einsamkeit hat eine Farbe. Ein Grau, das nicht verblasst, ein Schleier, der sich über alles legt, leise und doch unübersehbar.Sie fühlt sich kalt an, wie Eis auf meiner Haut, doch gleichzeitig erdrückend warm, wie ein Mantel, der mich umschließt und nicht loslässt. Einsamkeit ist mehr als allein sein. Es…
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Schmerzprotokoll, Tag 732

Wieder kein Schrei. Nur ein Ziehen im Brustbein. Ein Fremdgefühl im eigenen Gesicht.Frühstück: Ein Bissen, zwei Erinnerungen. Weggelegt.Kontakt: Drei Nachrichten gelesen, keine geschrieben. Herz reagiert nicht.Körperstatus: Funktionsfähig. Aber taub. Gedanken: Warum ich? Warum nicht? Was wäre wenn?Stopp.Ergebnis: Ich war da. Ich habe geatmet. Ich habe nicht geweint.Fortschritt: Unklar.
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Ihr kriegt mich nicht klein. Ihr kriegt mich nur kaputter.

Ihr wollt, dass ich mich schäme. Dafür, dass ich gebrannt habe. Dafür, dass ich überlebt habe. Dafür, dass ich nicht mehr leise bin. Ihr wollt mich gebrochen – aber ordentlich. Gefasst – aber zerfressen.Eure ideale Überlebende: still, dankbar, dekorativ.Ihr kriegt mich nicht klein. Ihr kriegt mich nur kaputter. Und das war nie mein Fehler. Das…
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MANIFEST DER UNVERSÖHNLICHEN

Ich schulde niemandem mein Schweigen. Schon gar nicht denen, die davon profitiert haben.Wenn meine Wahrheit euch stört – gut. Dann hört ihr sie endlich.Eure Entlastung ist nicht meine Aufgabe. Eure Reue kommt zu spät. Und ohne Beweis.Ihr habt mich gemacht. Aber ich bleibe nicht euer Produkt.Ich bin kein Opfer –ich bin Beweismaterial. Und ich rede.Eure…
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Alles bricht zusammen

kein krachen.nur: leere.die wände ziehen sich zurück, lassen mich unbewohnt.ich greife nach halt und finde meine eigenen finger. das wort „weiter“ reißt.nichts trägt. nichts bleibt.nicht einmal ich.