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Jeder sich selbst

Man sagt,jeder sei sich selbst am nächsten.Doch Nähe ist kein Besitz,kein eingezäunter Garten,kein abgeschlossenes Zimmer.Ich habe gesehen,wie ein Blickeine Tür öffnen kann,wie eine ausgestreckte Handdie Dunkelheit teilt.Wenn alle nurihr eigenes Licht behüten,verlöschen wir schneller.Doch wenn einer teilt –ein Wort,ein Stück Atem,ein Rest Hoffnung –dann wächst etwas,das größer ist als ich,größer als du.Vielleicht ist es wahr:Wir…
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Ich zweifle, also lebe ich

Nicht das Denkenhält mich fest,sondern das Fragen,das Wanken,das ständige Vielleicht.Ich trage das Ungewissewie eine zweite Haut,und jeder Schrittist auch ein Stolpern.Sicherheitensind mir fremd,aber das Herz schlägttrotzdem weiter.Ich atmezwischen Antworten,die nie bleiben.Und in diesem Atem,der sich weigert zu verstummen,liegt der Beweis:Ich bin.
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Weckdienst

Er schlägt mich wach.Nicht mit Worten,sondern mit Pfoten.Ein Schlag ins Gesicht,als Erinnerung:„Du atmest. Also steh auf.“ Es ist fünf Uhr.Die Nacht hängt noch schwer.Doch er kennt keine Uhr,nur den Hunger,nur die Nähe,nur mich. Und vielleicht,wenn ich ehrlich bin,ist das sein Trotz gegen das Dunkel:zu sagen, dass Leben nicht wartet. Selbst wenn es wie eine Backpfeife…
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Toleranz – warum sie nicht selbstverständlich ist

Manchmal tun wir so,als sei Toleranz ein Naturgesetz.Als würde sie wie Luft um uns kreisen,unerschöpflich, unsichtbar,immer da.Doch Toleranz wächst nicht wie Gras,das zwischen Rissen im Asphalt seinen Weg findet.Sie ist kein Automatismus,keine Garantie,kein eingebautes Organ.Wir werden nicht geboren,mit dem Wissen,wie man einander aushält.Wir kommen nicht zur Welt,mit offenen Armen,die jedes Fremde sofort umfassen.Wir werden geboren…
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Hoffnung, fast wie ein Gebet

Bleib,leises Licht,wenn alles andere verlischt.Halte dich fest im kleinsten Atemzug,in der Falte der Nacht,wo keine Antwort kommt.Sprich zu mir,ohne Worte,nur durch das Gefühl,dass ich nicht falle.Erinnere mich daran,dass Schritte möglich sind,selbst wenn der Boden zittert.Sei nicht das Versprechen,dass alles gut wird –sei nur die Hand,die mich noch einmal aufstehen lässt.Und wenn ich nicht mehr glauben…
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Gruppenzwang

Sie sagten: Mach mit.Sonst bist du allein.Und niemand erzählte,dass allein manchmal ehrlicher atmet als die Masse.Ihre Lachen waren wie auswendig gelernt,die Worte wie Münzen,falsch geprägt,aber glänzend genug,um zu blenden.Ich stand da,mit meinem Körper,der nicht gehorchen wollte,mit meiner Stimme,die zu schwer war,um sich in ihren Chor zu mischen.Sie tauschten Masken wie andere die Jahreszeiten,und wer nicht…
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Hoffnung

Manchmal denke ich,Hoffnung sei ein großes Wort.Zu groß für mich,zu schwer für meine Hände.Aber dann finde ich sie in den kleinsten Dingen.Im Atem,den ich trotz allem noch ziehe.Im Blick,der nicht nur ins Gestern fällt,sondern ins Vielleicht.Hoffnung ist nicht sicher.Sie verspricht mir nichts.Sie sagt nicht:„Es wird gut.“Sie sagt nur:„Es könnte besser werden.“Und das genügt,um weiterzugehen.Ich habe…