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Ich bin jedermanns Anker, doch wer hält mich?

Ich bin jedermanns Anker.Ich falle nicht.Weil ich es nicht darf.Weil ich der bin,den alle brauchen,wenn es um siezu wackeln beginnt. Ich halte.Still,verlässlich,schwer.Ich lasse euch reden,bis ihr leer seid.Ich höre zu,bis meine Stilletaub wird. Ich bin der,der die Nacht durchsteht,damit ihr schlafen könnt.Ich bin das „Du schaffst das“für alle,auch wenn in mirnichts mehrschafft. Ich stütze euch,wenn…
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Bleiben ist auch eine Bewegung

Sie sagen, du musst weiter.Dich entwickeln.Loslassen.Dich aufrichten.Dich neu erfinden.Ich aber bin geblieben.Nicht weil ich es wollte.Nicht weil ich zu schwach war.Sondern weil mein Körper nicht mehr sprang,wenn die Welt zog.Ich blieb.Mit den Trümmern.Mit den offenen Fragen.Mit der Müdigkeit,die nicht verging.Ich blieb, wo andere gingen.Weil ich nicht konnte,und irgendwann nicht mehr wollte.Und weißt du was?Bleiben ist…
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Notizen eines verschwiegenen Nervenzusammenbruchs

Zwei Stunden Schlaf.Gedanken in Dauerschleife.Herz schlägt.Aber nicht für mich.Ich lächle.Sag: Mir geht’s gut.Nur müde.Nur viel los.Nur fast am Ende.Ich stehe auf.Ich ziehe mich an.Ich vergesse zu atmen.Kein Schrei.Kein Blut.Nur Stille, die mich frisst.Ich google Symptome und lösche den Verlauf.Ich weine nicht.Ich starre.Und am nächsten Tag funktioniere ich wieder.
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Würde jemand meinen Fall bemerken?

Ich tanze auf dünnem Glas,und niemand hört,wie es längst unter mir reißt.Ich lache mit Lippen aus Marmor,verstecke das Zittern in makellosen Sätzen.Ich falle seit Jahren,aber so leise,dass selbst der Wind sich nicht umdreht.Ich bin die gut geölte Uhr,deren Zeiger nie zögern –obwohl das Werk zerspringt.Ich bin die Laterne,die noch glimmt,wenn längst niemand mehr den Weg…
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Wenigstens die Wäsche ist gemacht

Ich schreibe öffentlich über das, was weh tut.Was bebt.Was mich nachts nicht schlafen lässt.Ich schreibe über Angst,über das große Zittern,über die Frage,ob ich überhaupt richtig bin.Ich schreibe mich wund.Mich leer.Mich auf.Und du?Du scrollst vorbei.Siehst ein Gesicht, das deins nicht spiegelt.Ein Schmerz, der dich nichts angeht.Du bist online.Und doch fort.Du bist da.Und siehst mich nicht.Ich schreibe…
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Ich traue dem Morgen nicht

Ich traue dem Morgen nicht.Nicht nach Nächten wie dieser.Nicht nach Jahren, in denen das Aufwachen keine Rückkehr war, sondern ein Überfall.Der Morgen kam nie wie ein Versprechen.Er kam wie ein Befehl.Steh auf.Funktioniere.Tu so, als wäre das Leben tragbar.Ich habe lange gelernt, genau das zu tun.Die Augen zu öffnen, bevor die Gedanken aufwachen.Den Körper in Bewegung…
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Sorgen

Ich suche die Sorgen nicht,sie finden mich von selbst.Kommen ungefragt,setzen sich an meinen Tisch,trinken meinen Kaffee,schweigen nicht.Ist eine weg,nehmen zwei neue Platz,wie Gäste ohne Einladung,die sich zu Hause fühlen in Räumen,in denen ich kaum noch atmen kann.Sie reden durcheinander,wägen nicht ab,lassen mir keinen Gedanken für mich allein.Und ich frage mich,ob sie gehen würden,wenn ich die…
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Perspektiven

Es gibt Tage,da schaue ich aus dem Fensterund sehe nur Mauern.Steine, die mir sagen,dass nichts mehr kommt,außer mehr von dem,was schon schwer ist.Und es gibt andere Tage,da ist dasselbe Fenster ein Rahmen für Möglichkeiten.Kein Zwang,keine Pflicht,nur das Wissen:Hier endet nichts,solange ich hinschaue.Manchmal,liegt der Unterschied nur in einem halben Atemzug.In der Entscheidung,ob ich den Blick senkeoder…
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Schuldgefühle

Sie kommen nachts,wenn alle Argumente schlafen.Leise.Und sehr genau.Sie fragen nicht,ob es Sinn ergibt.Sie flüstern:„Du hättest…“„Du musstest…“„Du warst doch…“Ich zählealle Male,an denen ichnicht konnte.Nicht wusste.Nicht laut war.Ich schweigefür sie alle.Und wenn der Morgensich vorsichtig streckt,sitzt Schuldimmer noch auf meiner Brust –wie eine Katze,die sich weigert,aufzustehen.